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Jagdverband Nordvorpommern

Falkner als Arten-und Tierschützer

Ich berichte heute von den meist unerwähnten Aktivitäten der Falkner.

Diese Geschichte erinnert an einen persönlichen Freund, Thomas Rockel, der leider viel zu früh von uns gegangen ist.

Im Sommer 2016 rief mich Thomas ganz aufgeregt an. Er berichtete von dem Anruf eines Jägers, der bei seinem täglichen Spaziergang mit seinem Hund seit zwei Tagen einen Adler beobachtet hatte. Dieser Adler verhielt sich nicht normal, er ließ den Jäger und den Hund sehr nahe an sich herankommen.  Als der Hund am zweiten Tag dem Adler doch zu nahe kam, wollte dieser wegfliegen was ihm aber offensichtlich nicht möglich war. Daraufhin rief der Jäger Thomas an, der wiederum mich informierte.

Wir machten uns nach kurzer Absprache gemeinsam auf den Weg, um uns vor Ort den Adler anzusehen.

Nach eingehender Suche fanden wir den Adler. Er stand in ca. 3 Meter Höhe in einer Weide auf einer Pferdekoppel, es handelte sich um einen diesjährigen Seeadler-Jungvogel. Erst durch Drohgebärden konnten wir den Adler zum abfliegen bewegen, es wurde aber nur ein kurzer Segelflug der mit einer Landung  auf der Erde endete. Jetzt versuchten wir den Adler einzufangen, das stellte sich als nicht so einfach heraus, weil dieser zu Fuß recht schnell war.Thomas konnte ihn aber dann doch, nach geraumer Zeit, an den Ständern greifen.

Wir hatten uns einen Pappkarton für den Transport mitgenommen, der leider durch den einsetzenden Regen unbrauchbar wurde. Deshalb nahm Thomas den Adler einfach in den Arm und trug ihn so zum Auto. Da er das Auto fahren mußte übergab er mir den Adler. Nach kurzer Überlegung fuhren wir zu mir, um den Adler genauer zu untersuchen und um für seine notwendige Unterbringung zu sorgen. Die äußere Untersuchung ergab, der Adler war sichtbar abgekommen (geschwächt) und er hatte äußere Parasiten (Federlinge). Ansonsten gab es keine Auffälligkeiten.
Aufgrund der körperlichen Verfassung entschieden wir den Adler aufzuschirren (falknerische Haltung) und an einer bodennahen Sitzgelegenheit in einer Voliere anzubinden. Als Futter taute ich eine Ente auf, die ich noch von der Beizjagd mit meinem Falken hatte. Danach rupfte ich selbige und löste das Fleisch von den Knochen. Der Adler fing wenig später, nachdem ich ihm diese Atzung (Futter) anbot, zu kröpfen (fressen) an. Fast verhungerte Lebewesen darf man nur sehr restriktiv (begrenzt) füttern!  Es geht bei diesen Tieren im wesentlichen um einen Flüssigkeitsmangel.
Deshalb sollte das Futter lieber öfter,  in kleineren Mengen, angeboten werden. Bei Taggreifvögeln muss besonders darauf geachtet werden, dass der Kropf vor jeder weiteren Fütterung gänzlich gelehrt ist. Sonst kommt es zu tötlichen Verdauungsstörungen! Desweiteren sollte das Futter keine Gewöllstoffe (Federn und Knochen) enthalten! Erst nach dem feststeht das die Verdauung und Konstitution des Tieres wieder normal ist, kann das Futter auch Gewöllstoffe enthalten.
Nach einer Woche reichlichem Futter, einer Behandlung gegen die genannten Parasiten und Ruhe haben wir den Adler eingefangen gewogen und nochmals untersucht. Er wog 4 Kilogramm und war jetzt in einem gutem körperlichen Zustand. Bei diesem Gewicht kann man davon ausgehen, dass es sich um einen männlichen Seeadler handelt, da Weibchen größer sind (bis zu 8kg).

Um die Geschichte etwas abzukürzen möchte ich nur noch über den Ausgang dieser Geschichte berichten. Thomas entschied sehr spontan den Adler in die Obhut eines Experten nach Brandenburg zu bringen.  Es wurde ein Kontakt hergestellt und dann fuhren wir nach Brandenburg zur „Wildtierstation Woblitz“. Ca. gegen 5 Uhr morgens übergaben wir den Adler an den Experten Paul Sömmer. Nach eingehender Untersuchung wurden alle wesentlichen Details, auch unsere persönlichen Angaben, protokolliert und notiert.

Danach kam es zu der Entscheidung, unseren Adler zur Rehabilitation in eine riesige Rundvoulliere (18 Meter Durchmesser) zu zwei verunfallten alten Seeadlern zusetzen. Das war für alle ziemlich spannend, weil niemand im voraus wusste wie sich die drei Adler verhalten würden. Es war dann so, die alten Adler haben den Jungadler ignoriert, doch dieser suchte sofort den Kontakt zu den Altadlern. Der Experte erklärte uns, das wäre prima um den Jungadler baldmöglichst zu einem wilden Familienverband zu verbringen. Dann stünde einer Adoption nichts im Wege. So wurde es dann auch zu einem späteren Zeitpunkt in die Praxis umgesetzt. Dadurch findet findet diese Geschichte für alle Beteiligte ein positives Ende.
Erst kürzlich bekam ich die erfreuliche Nachricht einer Sichtung (durch die Kennringe) „unseres Adlers.
Bei der Niederschrift dieser Geschichte bin ich Thomas wieder ganz nahe.
Nichts geht verloren, auch nicht unsere Freundschaft!
Immer gut Federspiel
Hans Werner Bünger
„IG-Kulturerbe Falknerei M-V“
Anmerkung: Mehrere HUNDERT verunfallte GREIFVÖGEL werden jährlich im ganzen Bundesgebiet ehrenamtlich und auf eigene Kosten von Falknern versorgt!