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Jagdverband Nordvorpommern

KULTURERBE FALKNEREI

falkner

mehrjähriger Sakerfalke weiblich auf Saatgans

Falknerei

mehrjähriger Sakerfalke weiblich auf Silbermöwe

Die Falknerei, deren Ursprung in Ostasien zu suchen ist, hat eine Jahrtausende alte Tradition. Per Definition handelt es sich bei der Falknerei um eine Jagdform,
Beizjagd genannt, bei der mit abgerichteten Greifvögeln auf freilebendes Wild in seinem natürlichen Umfeld gejagt wird.
Zielsetzung ist eine natürliche Nahrungsbeschaffung für Beizvogel und Falkner. Im Weltverband der Falkner, der IAF, sind ca. 110 Falknerorganisationen aus 80 Nationen mit ca. 60 Tausend Falknern vertreten.

Von der UNESO wurde die Falknerei durch einen einzigartigen Antrag von 12 Nationen im November 2010 zum internationalen Weltkulturerbe ernannt. Dadurch entstand am 16.11. der Weltfalknertag! Die deutsche Falknerei wurde im Dezember 2014 zum nationalen immateriellen Kulturerbe erklärt.

Hier die persönliche Sicht eines aktiven Beizjägers:
Falknerei – ein immaterielles Kulturerbe

Vom Wesen der Falknerei als immaterielles Kulturerbe, aus der Sicht eines praktizierenden Falkners (Beizjäger). Die heutige Falknerei basiert auf einem Jahrtausende alten Handwerk. Die Grundlagen dieses Handwerks also sowohl die Ausrüstung als auch der Umgang mit dem Beizvogel, haben sich im Wesentlichen nicht geändert. Die Falknerei hat bis heute nichts von ihrer Faszination für den Menschen verloren, trotz der mannigfaltigen gesellschaftlichen Veränderungen der zurückliegenden Zeit. Die Weitergabe vom Wissen der Falknerei über diesen langen Zeitraum und kulturelle Grenzen hinaus bis heute war nur möglich durch mündliche Überlieferungen.

Der Velgaster Hans-Werner Bünger mit seinem Wanderfalken auf dem Arm.

Ein menschliches Verständnis für andere Gattungen von Lebewesen, in diesem Fall Greifvögel, erfordert sehr viel Zeit der Beobachtung dieser Lebewesen in ihren natürlichen Lebensabläufen. Erst dadurch wird es dem Menschen (Falkner) möglich, einen kleinen Einblick vom Wesen dieser Tiere zu bekommen. Die Wahrnehmung der „Wirklichkeit“ ist für Mensch und Tier eine völlig andere. Was bedeutet zum Beispiel Raum und Zeit für einen Falken bei der Jagd auf Tauben? Der Falke hat ein ca. achtmal besseres Auge als der Mensch (er entscheidet sich zu einem Jagdausflug aus Entfernungen über einen Kilometer und weiter von seinem Zielobjekt entfernt), Menschen können max. ca. 40km/h schnell laufen, der Falke fliegt horizontal ca. 200 km/h und vertikal ca. 400 km/h. Aber der gravierenste Unterschied der Wahrnehmung von der „Wirklichkeit“ zwischen Mensch und Tier besteht darin, dass die meisten Menschen keinen Zugang mehr zur Natur haben. Das Leben der Menschen spielt sich in Städten ab, also in künstlich vom Menschen entwickelten Lebensräumen. In den lebensentscheidenden Prägephasen des Menschen hat dieser keinen oder nur sehr eingeschränkten Kontakt zur Natur.

Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass es auch heute noch Menschen gibt, wie zum Beispiel Falkner, die sich bemühen, andere Lebewesen zu „verstehen“. Bei der Falknerei ist dieses Verständnis für die Spezies „Falke“ der Grundstein für ein gemeinschaftliches Handeln mit einer bestimmten Zielsetzung, nämlich Beute zu machen. Hierbei ist der Falke der Akteur und der Mensch sein Gehilfe. Da der Falke kein soziales Gefühl kennt, außer zur Zeit der Fortpflanzung (Erhaltung der Art), bedarf er hierfür von seiner Seite einer sonst unbekannten Toleranz zum „Partner Mensch“. Der Weg zu diesem gemeinsamen Handeln von Falke und Falkner ist die sogenannte Kunst der Falknerei.

Nur durch den Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen den Falknern ist dieses Ziel zu erreichen. Gerade in der Neuzeit musste die Falknerei durch die Zucht der Falken in Gefangenschaft seit Mitte der 1970er Jahre hinzulernen. Die in völlig isolierten Kammern gezüchteten Falken bedürfen eines anderen Umgangs als der Natur entnommene Wildfalken. Diese Falken sind lebensfremd aufgewachsen und müssen jetzt von den Falknern an ihr zukünftiges Lebensumfeld erst herangeführt werden. Ihnen zu großem Selbstbewusstsein zu verhelfen, steht im Vordergrund unserer Bemühungen. Nur ein selbstbewusster Falke ist bereit, seine Präsenz am Himmel, wie es besonders bei der Anwarter-Falknerei gewünscht und erforderlich ist. Neue Trainingsmethoden, wie zum Beispiel das Drachentraining, haben sich als hilfreich erwiesen. Hierbei wird nicht nur die Physis sondern auch die Psyche gefördert, beides bedingt einander. Einige Falkner haben das leider noch nicht erkannt und meinen die „Kondition“ des Falken wäre der Schlüssel zum Erfolg. Dem widersprechen zum Beispiel Berichte von pakistanischen Falknern mit Habichten. Diese Habichte jagen täglich erfolgreich in höchster „Kondition“ und die Falkner erwirtschaften mit den Beutetieren ihren Lebensunterhalt.

Jeder Falkner lernt im täglichen Umgang mit seinem Greifvogel dessen Verhalten zu deuten (verstehen). Durch tägliches Wiegen des Greifs kennt der Falkner dessen körperliche Verfassung und den Stoffwechsel in Bezug auf die zu vor gereichte Atzung (Nahrung). Wissenschaftliche Erkenntnisse (die bedingten Reflexe usw.) sind nach meiner Meinung zum Verstehen unserer Beizvögel (zum Anfang) eher hinderlich, weil wir dadurch unseren Blickwinkel einschränken.

Die Falknerei beschränkt sich nicht nur auf das Beobachten der Beizvögel. Es werden auch das ganze Umfeld und die Beutetiere bei der Jagd beobachtet. Um erfolgreich zu sein muss der Falkner die Natur ganzheitlich betrachten. Jedes Tier benötigt für seine Existenz einen bestimmten Lebensraum. Dementsprechend jagen wir in unterschiedlichen Lebensräumen auch unterschiedliche Tiere. Aufgrund dieser Erfahrungen weiß ein Falkner sehr viel über das Verhalten der Wildtiere und deren Lebensräume. Aus diesem Wissen heraus wird ein Falkner schon aus Eigennutz immer bemüht sein, positiv darauf einzuwirken.

Fazit: Bei der Falknerei handelt es sich demnach nicht um ein archaisches Spektakel abnormer Mitmenschen, sondern um eine ganzheitliches nachhaltiges immaterielles Kulturgut der Menschheit und ein Sinnbild „Darwinistischer Lehre“ in Bezug der Evolution der Lebewesen auf unserem Planeten Erde.

Ein Kredo den Menschen, die offenen Auges und mit wachen Sinnen die Natur belauschen! Für alle Falkner ein Falknersheil und immer gut Federspiel.

Hans-Werner Bünger