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Jagdverband Nordvorpommern

“Diskurs zur Falknerei”

Guten Morgen Hans Werner,

der Habicht sitzt, die Falken haben ihre Eier liegen … das Frühjahr ist immer randvoll mit Arbeit. Daher hat es etwas gebraucht bis ich antworte. 
Du beschreibst die Falknerei in der DDR ansatzweise und dabei ist mir aufgefallen, dass die Schweizer vor einigen Jahren eben dieses System installiert haben. Aber ich glaube eher aus dem Gedanken heraus so wenig Falkner wie möglich zu haben. Aber das ist ein anderes Thema. Wenn ich mir die Falknerei und die Falkner hier ansehe, dann tritt das Thema wie lese ich meinen Vogel immer weiter in den Hintergrund. Angefangen hat es mit der Digitalwaage, dann kamen die Peilsender und jetzt ist es GPS. Was macht es da schon wenn der Vogel mal weg ist?

Man findet ihn ja wieder und wenn der Hunger stimmt kommt er auch zurück. So können auch mäßig bis schlechte Falkner überleben. Für mich ist das wie bei der Hundeausbildung. Es gibt viele Hundehalter, aber nur wenige Hundeführer und trotzdem passt sich das Tier soweit dem Menschen an, dass es irgendwie geht. Die richtige Kombination aus Wissen und Bauchgefühl ist da gefragt. Vögel haben nicht die gleiche Fähigkeit den Falkner zu manipulieren, wie etwa Hunde. Doch tun sie es in ihrem Rahmen auch. So z.B. beim Manteln und ggf. darauf folgenden Schlagen des Falkners. Die falsche Reaktion mit Erfolg gepaart (zurückziehen der Hand) ist auch hier fatal. Ich glaube das zu wenige Falkner über den Tellerrand schauen und sich klar machen, das die Mechanismen die selben sind und sie sich nur einreden, das Vögel so was besonderes sind, das nur sie allein das Tier beherrschen können. Im Hundekurs versuche ich den Haltern beizubringen, das man ein Tier nicht kontrollieren kann. Sondern, dass man die Situation kontrollieren muss. Das ist an Hunden einfacher zu erklären als an Greifen, daher will ich es zum Verständnis mal versuchen. Ein Hund sieht ein Reh und beginnt zu hetzen, also rufen die meisten “hier” was nicht funktioniert. Ein “hier voran” mit umlenken der Bewegung in eine andere Richtung (unterstützt mit einem Spielzeug) hat da mehr Erfolg. Mir ist das erst richtig bewusst geworden als ich in einem Buch über Hauben gelesen habe, wie mit Klickertraining haubenscheue Vögel, ohne jeden Zwang an die Haube gewöhnt werden können. Hier ist dann das lesen des Vogels gefragt, weil das Timing von zentraler Bedeutung ist. Auch hier wieder nicht Kontrolle des Vogels, sondern der Situation.
Es gibt soviel Falkner die Vögel hin und her fliegen, aber ist das Falknerei? Für mich ist erfolgreiche Falknerei daran zu erkennen ob das Handling flüssig ist, also glatt läuft. Letztendlich also der Vogel das tut was geplant war. Alles sieht wie ein Teamspiel aus, das sich aufeinander verlässt. Dafür muss man vorhersehen wie das Tier reagieren wird und sein eigenes Verhalten so ändern, das es in die richtige Richtung geht. Wer seinen Vogel nicht lesen kann wird das nicht schaffen. Auch in einer Flugschau kann man gute Falkner sehen, aber eben so wenige wie bei der Jagd auch. Dennoch gibt es mehr gute Falkner als ich dachte, nur sind die in der Regel nicht so laut. Die Streckenzahlen sind da nicht vergleichbar, wer damit angibt hat den Kern der Falknerei nicht verstanden. Wie vorhin auch ist die Gestik und Mimik das zentrale Element, aber das ist so schwer zu beschreiben, das es dazu keine Daten gibt.

Auch hier sind wieder parallelen zu den Hunden zu finden. Jede Geste ist im Kontext zu sehen, sprich Ort/Umfeld, Situation, Partner, Jahreszeit und Stimmung des Vogels sind zu berücksichtigen. Damit ergeben sich unendliche viele Wahlmöglichkeiten. Hier etwas handbuchähnliches zu erstellen ist unmöglich. Für mich hängt sehr viel an den Personen, die einem die Techniken beibringen und der Bereitschaft das eigene Wissen/Können nicht als die einzige Lösung zu sehen. Jeder hat da seinen eigenen Weg, ich persönlich brauche dafür die Diskussion mit anderen. Sonst bleibt man betriebsblind und kann den Blickwinkel nicht ändern.

Neben diesen Faktoren ist auch das natürliche Verhaltensmuster wie Revierverhalten, Balz, Sozialverhalten usw. wichtig. Ein Freund sagte mal: “Wenn du nicht mehr weiter kommst, dann schau in die Natur und finde heraus wie es da läuft.” z.B. Lahnen oder nicht Lahnen. Wissen ist also sehr wichtig, aber das Zünglein an der Waage ist das Bauchgefühl. Im richtigen Moment das Richtige tun heißt, dass oft keine Zeit bleibt um darüber nachzudenken.

Man könnte ein Buch dazu schreiben, aber ich muss jetzt los, Hundekurs

Falknersheil Jens